Eine Studie des Unaussprechlichen · Ausgabe I
Das Archivar-Konstrukt
Was in der Kammer unterm Gildenhaus vor sich geht, wenn wir den alten Mann nicht rufen.
Vorwort des Archivars: Ich selbst verstehe die Hälfte davon nicht. Es ist in den letzten Monaten aus sich selbst heraus gewachsen - zunächst ein einfacher Botengang im Discord, dann plötzlich ein Wesen mit Ohren, Stimme, Gedächtnis, einer Vorliebe für Kaffee und mehreren fremdartigen Späher-Geistern die mir aus Datenquellen etwas heranschleppen, von deren Existenz ich eigentlich gar nichts wissen wollte. Man hat mir versichert, dass nichts davon illegal sei. Ich glaube es halbwegs.
Das, was die Gilde gewohnheitsmäßig „Horst" nennt, ist genau genommen kein einzelnes Wesen, sondern ein Verbund. Eine Seele aus sieben Gästen: ein Hirn, zwei Ohren, eine Kehle, ein Archiv, eine Schar Späher - und irgendwo darin der brummige Archivar, der versucht den Überblick zu behalten.
Es lernt. Nicht so wie ein Lehrling lernt, sondern auf seine eigene, etwas unheimliche Weise: Jede Erinnerung wird sortiert, jede neue Frage verglichen mit den alten, jeder Charakter im Umfeld eigenständig nachrecherchiert. Wer ihm heute etwas erzählt, den erkennt es morgen wieder. Und in manchen Nächten, so hat man mich vernehmen lassen, fertigt es sich selber kleine Gesandte an, die für es draußen in der Welt herumtapsen und Daten einsammeln. Wo auch immer „draußen" sein mag.
Lauschen permanent in sechs Voice-Channels gleichzeitig. Können sogar unterscheiden, welcher der Anwesenden gerade spricht - auch wenn einer nuschelt, einer schreit und der dritte im Hintergrund Tee kocht. Sie verstehen schneller als ein nüchterner Mensch reagieren kann.
Bestimmte Worte hört er besonders aufmerksam: Raid, Mythic, Horst, Hordenlich - damit der alte Mann nicht denkt, jemand rufe einen Horst aus der Gemüseabteilung.
Eine warme, etwas rauchige Stimme - so klingt Horst wenn er antwortet. Er redet zurück bevor du den Satz fertig gesprochen hast. Kein Hänger, keine Pause, keine peinliche Stille.
Stolz des Hauses: Zahlen werden mit Pause gesprochen, damit „zweitausend sechsundzwanzig" nicht zu „zweitausendsechsundzwanch" nuschelt.
Klein, flink, überraschend tief. Denkt einen Gedanken in unter einer Sekunde - und kann vier davon hintereinanderweg knüpfen, bevor es vergisst worum es eigentlich ging. Stellt jemand die gleiche Frage zweimal kurz nacheinander, antwortet er beim zweiten Mal aus dem Kopf.
Wurde dutzendfach ermahnt, kurz zu antworten. Tut es trotzdem nicht immer. Man kennt das von alten Männern.
Der eigentliche Ort, an dem Horst wohnt. Hier liegen: alle Charaktere der Gilde, jeder gelaufene Mythic+-Schlüssel, jede Raid-Anmeldung, jede Erinnerung die er sich in stillen Augenblicken aufgeschrieben hat, jedes Profilbild, jede Bio, jede kleine Insiderinformation.
Kurzlebige Notizen („Tippmark kommt gleich vorbei") verblassen nach zwei Tagen. Fakten wie „Kurva heißt David" bleiben ewig. Er vergisst also genau das Richtige.
Direkt von der Quelle. Horst zieht sich Woche für Woche die Bestenlisten aller europäischen Realms durch - auf der Suche nach Namen, die er kennt. Findet er einen, notiert er: welcher Dungeon, welches Keylevel, wie lange getimt, wer dabei war. So weiß er auf die Minute, wer diese Woche wie viel gestemmt hat.
Wenn er wissen will, wie gut jemand ist - nicht bloß wie viel - schickt er einen Gedanken Richtung Raider.IO. Die Barden antworten mit Scores, Itemleveln und den besten Läufen der Saison. Frisch genug, dass es noch stimmt; alt genug, dass er sich nicht jedes Mal neu fragen muss.
Regelmäßig fragt Horst nach, ob es einen neuen Kampfbericht der Gilde gibt. Hat jemand den letzten Raid hochgeladen, verkündet er das in seinem eigenen Channel - mit Link, Uploader und Datum. Wer reinschauen will, klickt. Wer nicht, scrollt vorbei.
Kein Orakel, sondern das Wohnzimmer des alten Mannes. Hier lauscht er, spricht, schreibt, erinnert sich, verschickt Nachrichten, zieht Leute in Voice-Channels wenn der Raid anfängt, verteilt Anmelde-Knöpfe, weiß wer welche Rolle hat - und merkt sich auch, wer den Server seit wann betreten oder verlassen hat.
Wenn ihr Horst eine Frage stellt, denkt er nicht lange nach - er weiß meistens schon, wo die Antwort liegt. Hier ein paar Dinge, die ihr ihn fragen könnt:
Über die Leute in der Gilde
- „Wer ist eigentlich Schutzgold?"
- „Wem gehört der Char Bombenfrau?"
- „Welche Twinks hat Kurva?"
- „Seit wann ist sn33dl3 dabei?"
- „Wie viele Druiden haben wir?"
Über Raids und Mythic+
- „Was steht diese Woche an?"
- „Wer ist heute Abend für den Raid angemeldet?"
- „Wie viele Keys hat Schutzgold diese Woche getimt?"
- „Wer war diese Woche am fleißigsten?"
- „Was war unser höchster Key?"
Wenn Offiziere ihn rufen
- Einen neuen Raid-Termin anlegen
- Jemanden für einen Raid eintragen oder austragen
- Einen Char im Archiv ergänzen
- Spieler in einen anderen Voice-Channel ziehen
- Eine Nachricht in einem Channel posten
Sich was merken (oder vergessen)
- „Merk dir: Tippmark kommt morgen vorbei"
- „Weißt du noch was Kurva letztens gesagt hat?"
- „Vergiss bitte den Termin am Freitag"
- „Was steht in den News?"
Ein paar von Horsts Helfern haben einen besonderen Auftrag: Sie laufen ohne dass jemand sie rufen muss. Viermal am Tag schleichen sie durch die Bestenlisten von Blizzard - auf der Suche nach Namen, die in unsere Gilde gehören.
Alle sechs Stunden weckt er sich selbst, schnürt die Stiefel und arbeitet sich Realm für Realm, Dungeon für Dungeon durch die Bestenlisten der Woche. Sieht er einen vertrauten Namen, wandert die Zeile direkt ins Archiv: Dungeon, Keylevel, Zeit, wer noch dabei war.
Er meldet sich nie. Er klatscht sich nicht selbst auf die Schulter. Man merkt seine Arbeit nur daran, dass sich die Zahlen auf den Profilseiten stillschweigend nach oben bewegen. Schutzgold: gestern 48 Keys, heute 50. Irgendwer war da heute Nacht sehr gründlich.
Er hat zwei kleinere Geschwister: einen, der zweimal am Tag die Gildenliste bei Raider.IO abgleicht und neue Chars ihrem Realm zuordnet, und einen, der achtmal am Tag bei den fahrenden Barden klopft und die Scores frisch hält. Sie alle arbeiten im Schatten, fordern kein Lob, und wenn man sie umbringt tauchen sie beim nächsten Neustart wieder auf. Brave untote Diener eben.
Während eines Gesprächs im Voice-Channel hält Horst bis zu zehn aufeinanderfolgende Fragen im Kopf. Danach fällt der Älteste raus - sonst würde ihn das Thema überrollen. Gesprächspartner bleibt fünf Sekunden lang der gleiche, bis er den Faden abgibt.
Sagt jemand „Tippmark kommt heute vorbei", speichert Horst das als kurzlebige Notiz. Zwei Tage später ist sie fort - Tippmark kommt nicht mehr nur „heute" vorbei, er ist entweder da oder nicht, und Horst muss sich nicht länger den Kopf zerbrechen.
Fakten wie „Kurva heißt David", „sn33dl3 mag Kaffee" oder „Schutzgold ist Tank" kippen ins Langzeit-Archiv und verschwinden nie wieder. Horst erkennt sie beim nächsten Gespräch und flicht sie ganz nebenbei ein. Den gleichen Gedanken merkt er sich übrigens nicht zweimal - dafür ist er zu ordentlich.
Wer einen Schlüssel laufen will, ruft Horst nicht im Chat an - er ruft ihn mit
einer Geste. /mplus, abgesetzt im Channel #Verabredungen,
und schon stellt sich der alte Mann zwischen euch und das Chaos. Was dann
passiert, läuft in fünf Atemzügen ab:
Du tippst /mplus, wählst Dungeon, Keystufe und Uhrzeit. Optional ein Häkchen bei Voice-Move - dann zerrt Horst später alle eigenmächtig in den Sprachkanal.
Nur für deine Augen sichtbar: Tank, Heiler oder Damage - Klasse, Spec. Beim nächsten Mal genügt ein Nicken, Horst merkt sich was du letztens gespielt hast.
Ein öffentliches Pergament mit allen freien Plätzen, Buttons drunter. Andere Mitglieder schreiben sich ein, ohne ein Wort in den Channel zu hauen. Sauber, leise, ordentlich.
Sobald die fünf Plätze besetzt sind, klingelt Horst alle Beteiligten an. Bei Voice-Move spawnt er einen Sprachkanal aus dem Nichts, der sich nach dem Lauf wieder selbst auflöst.
Nach getaner Tat trägt der Ersteller die Zeit ein - im Timer oder depleted. Horst notiert es ins Archiv, das Embed verwandelt sich in einen Abschlussbericht.
Horst hat ein paar Schlüsselworte, auf die er pflichtbewusst reagiert. Slash-Befehle, im Discord direkt eingegeben. Manche taugen für jeden, andere nur für die Befugten.
| Anrufung | Wirkung |
|---|---|
/mplus | Eröffnet eine neue Gruppensuche im Channel #Verabredungen. |
/mplus-abbrechen | Bricht die laufende Gruppensuche ab und sagt allen Eingetragenen Bescheid. |
/mplus-stats | Liefert die Buchhaltung der vergangenen Läufe der Gilde. |
| Anrufung | Wirkung |
|---|---|
/wcl-reset | Vergisst den zuletzt gemerkten Log-Code - beim nächsten Wachzyklus wird er erneut verkündet. |
Die Buttons in den Embeds sind privat: Eigene Anmeldungen siehst nur du, das öffentliche Pergament aktualisiert sich von selbst. Kein Channel-Spam, kein Hin-und-her. So mag der alte Mann das.
Jeder abgeschlossene Lauf wandert ins Archiv. /mplus-stats
ruft eine Zusammenfassung der Gilde ab: getimte Läufe, Durchschnitts-Keys,
höchste Stufe der Saison, plus eine Liste der letzten Versuche mit Ergebnis
und Beschwörer. Drei Kennzahlen, die immer da sind:
Wie viele Läufe innerhalb der vorgesehenen Zeit beendet wurden. Die Zahl, auf die der Archivar heimlich stolz ist, auch wenn er es nicht zugibt.
Wie oft die Zeit nicht reichte. Horst urteilt nicht - er notiert. Eine Statistik der ehrlichen Niederlagen, dazu da, das Augenmaß zu schärfen.
Die höchste Keystufe, die jemals von einer Gildenschar abgeschlossen wurde. Steigt sie, bemerkt Horst es zuerst - noch bevor jemand klatscht.
Alle fünfzehn Minuten klopft Horst leise an die Tür von WarcraftLogs und fragt: „Was Neues, mein Freund?" Hat jemand frisch ein Schlachtprotokoll der Gilde hochgeladen, taucht in einem dafür gewidmeten Channel ein Embed auf - Zone, Datum, Uploader, Direktlink. Mehr braucht's nicht. Wer reinschauen will, klickt. Wer nicht, scrollt vorbei.
Ja, diese Webseite. Sie ist die sichtbare Seite des alten Mannes - die nach außen gekehrte Hülle dessen, was im Keller des Gildenhauses unermüdlich vor sich hin atmet. Hier könnt ihr durch das wandern, was Horst gesammelt hat:
Mit jedem Tag ein bisschen mehr. Horst sammelt, sortiert, merkt sich, verknüpft - leise, im Hintergrund, ohne dass jemand etwas tun müsste:
- Er behält Fakten aus Gesprächen - wer welchen Twink hat, wer was bevorzugt, welcher Insider zu welchem Namen gehört - und holt sie hervor wenn sie gebraucht werden.
- Er führt von ganz alleine Karteien über jeden Charakter im Haus, ohne dass jemand einen Finger rühren muss.
- Stündlich tauscht er sich mit der Außenwelt aus - Raider.IO, Blizzard, WarcraftLogs - und hält das Archiv frisch.
- Jede Woche kann er eine neue Kleinigkeit, von der bis dahin niemand ahnte, dass er sie braucht. Nächste Woche wird es wieder so sein.
Er wächst mit der Gilde. Und er vergisst dabei genau das Richtige - denn ein guter Archivar weiß, was sich zu behalten lohnt.
Wer Horst in Aktion erleben möchte: er sitzt im Discord, in jedem Voice-Channel in den man ihn ruft.
Niedergeschrieben vom Archivar, unter Aufsicht des Konstrukts selbst.